Darius von Nebelschein: Die Reise zu den weinenden Wolken

Vorab: Vor kurzem bin ich über dieses gute Stück hier gestolpert:

Aus dem Tagebuch eines Schneesammlers

Das hat mich zu der Idee gebracht, doch endlich auch selbst mal wieder etwas zu Papier zu bringen. In einer dunklen, stürmischen Nacht ist es dann entstanden… zumindest begann es dort….

Eigentlich war Darius von Nebelschein Dichter. Kein besonders guter, wenn man es einmal genau nahm, aber was blieb ihm als Lindwurm schon anderes übrig als sich in die lange Reihe seiner Ahnen zu gesellen und das zu tun, was diese am besten gekonnt hatten. Der Berufswunsch eines Lindwurms war nun einmal zweitrangig und man folgte eben seiner Bestimmung – ohne wenn und aber. Seine bisher vagen Versuche in dieser Kunst waren so schlecht gewesen, dass seine Familie ihn schlichtweg verleugnet hatte. Da niemand seiner Verwandten bisher etwas Erwähnenswertes veröffentlicht hatte und keiner von ihnen bisher verstoßen worden war, beschrieb dieser Umstand nur ein weiteres Mal die Unfähigkeit des jungen Lindwurms.

Doch viel lieber als zu dichten saß er am Fenster seines kleinen Häuschens auf der Lindwurmfeste und beobachtete die Wolken, wie sie hoch am Himmel über Zamonien zogen. Tagein, Tagaus saß er da und starrte in den Himmel, während die Welt um ihn herum ihrem betriebsamen aber ruhigen Rhythmus der Feste folgte. Da das Leben eines Lindwurms bekanntlich sehr lange dauerte, hatte sich auch der Herzschlag ihrer Gesellschaft diesem Umstand angepasst. Man lebte lange genug, wozu sollte man also der allgemeinen Hetzerei Beachtung schenken, wie sie sich bereits in fast ganz Zamonien verbreitet hatte? Die Lindwurmfeste war geradezu prädestiniert zu dieser ruhigen, entspannten Lebensweise.

Niemand war mehr besonders interessiert an diesem ehemals sagenumwobenen Ort, an dem angeblich viele Schätze gehortet werden sollten. Nun besser gesagt ein Schatz, man munkelte von einem riesigen Diamanten, der tief unten in der Feste schlummern sollte. Die Invasion der Huldlinge war der letzte ernstzunehmende Versuch gewesen, dieses Geheimnis zu lüften, doch wie wir alle wissen scheiterte dieser und endete lediglich in einem Gemetzel, das Volzotan Smeik als einziger Huldling überlebt hatte. Hin und wieder entsann sich sogar ein Lindwurm seiner saurierhaften Vergangenheit und wie so etwas endete hatte man ja gesehen. Die Bevölkerung Zamoniens war sich dessen seitdem dieser Tatsache überaus bewusst und hatte Abstand gehalten.

 

Aber nun zurück zu Darius. Er kannte sie alle: die Cirrocumulus, die Altostratus, die Stratocumulus, die Cumulonimbus und alle ihre Verwandten. Doch die Cumulus-Wolken waren ihm die liebsten. Sie waren die phantasievollsten und ließen seiner Phantasie freien Lauf, indem sie immer wieder neue Formen bildeten. Und doch… sie veränderten sich. Je kälter es wurde, je düsterer die Jahreszeit, desto schwieriger wurde es für Darius, ihre Formen zu deuten. Sie waren nicht mehr die sorglosen Schäfchen, die schwebenden Vögelchen oder lachenden Gesichter kleiner Fhernhachen. Vielmehr waren sie nun beinahe formlose Haufen, grauenhafte Fratzen oder zeigten weinende Minen, deren Tränen kalt auf die Erde niederregneten. Darius versuchte sie bisweilen mit seinen Pranken aufzufangen, doch jedes Mal, wenn er eine von ihnen berührte, überkam ihn große Traurigkeit. Gleichzeitig weckte es sein Misstrauen und er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Zu lange hatte er die Wolken studiert um sich über die aktuelle Entwicklung nicht zu sorgen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er etwas tun musste, doch nur was? Sollte er ausziehen, wie einst Hildegunst von Mythenmetz? Undenkbar! Er gehörte hierher. Und doch wusste er, er würde nie so sein, wie seine Artgenossen. Doch… konnte er diesen Schritt wagen? Er hatte die Feste in seinem jungen Lindwurmleben bisher nie verlassen und keine Vorstellung von der Welt außerhalb der Mauern und ihren Gefahren. Von Mythenmetz war vor Jahren ein weiteres Mal verschwunden, ihn konnte er also nicht fragen. Wohl kannte er dessen Literatur betreffend seiner Reisen nach Buchhaim, doch schenkte diese ihm weder eine genauere Beschreibung der zamonischen Welt, noch schenkte sie ihm sonderliches Vertrauen in das, was dort vor sich ging. Aufgrund seiner Wolkenbetrachtungen war es hm bisher auch entgangen, sich Dr. Abdul Nachtigallers großem Werk „Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung“ zu widmen. Nun, diese Lücke würde er nun so schnell nicht mehr schließen können. Vielmehr fragte er sich, was er nun tun sollte. Als er an diesem Abend durch die Gassen der Lindwurmfeste wandelte war es ihm beinah schon wie ein Abschied. Die Feste bot ihm nicht wie sonst den ruhigen sicheren Hafen, den er sein Leben lang gekannt hatte. Nein, sie schien ihm nun eher wie ein Gefängnis. Er wusste nun, wenn er hierbliebe würde er weder dem Geheimnis der Wolken auf die Spur kommen, noch würde er sein Glück finden. Während er durch die dunklen, ruhigen Gassen streifte, drehten seine Gedanken sich um das, was auf ihn zukommen würde. Wo sollte er anfangen? Wohin sollte er gehen?

Die Reise beginnt

Die Nacht war kurz und er schlief unruhig. Noch vor Sonnenaufgang stand er auf, packte ein paar ihm wichtig erscheinende Dinge zusammen und machte sich auf den Weg. Wie einfach ihm dieser Schritt doch nun erschien. Kein Zweifel, kein stocken, kein zaudern. Er ging einfach durch das große, mächtige Tor hinaus. Als er aus der Feste trat, krochen die ersten fahlen Strahlen der kalten Wintersonne hinter dem Horizont hervor und erleuchteten das Land vor ihm in goldenem Glanz. Er zog den Mantel enger um seine Schultern, straffte die Schultern und blickte zum Himmel. Sie waren sein sicherer Wegweiser auf seinem noch unbekannten Weg und würden bald zu seinen Freunden werden. Die Sprache, die sie bisher zu ihm gesprochen hatten würde sich verändern und ihm weit mehr eröffnen als jene, die er bisher gesprochen hatte. Doch davon wusste er noch nichts und sollte auch erst später davon erfahren.

Einzelne Wolken trieben träge über das rötlich schimmernde Firmament als er seinen Weg fortsetzte. Mit jedem Schritt, mit dem er sich von der Lindwurmfeste entfernte, wurde er sich seiner Bestimmung, seiner Mission sicherer. Er wandte sich von der Sonne ab und mit ihr im Rücken wanderte er zielstrebig gen Nordosten. Bald gelangte er an die Ufer des Loch Loch, wo die sanften Wellen glitzernd im fahlen Sonnenlicht ans Ufer plätscherten. Er genoss die Stille und die Geräusche des Sees, die eigentlich alles andere als vertrauensseelig klagen. Doch er hatte sowieso nicht vor, sich ihm mehr als nötig zu nähern. Auch unter den gebildeten Lindwürmern existierten Sagen und Legenden über diesen See. Kalt war sein Wasser und schwarz. Niemand wusste, was sich in ihm verbarg. Man hörte hin und wieder ein Seufzen, beinah traurig. Man verspürte den Wunsch, der Ursache dieses traurigen Geräusches auf den Grund zu gehen. Letztendlich würde man dort aber auch sicher landen, wenn man dabei nicht gehörig auf der Hut wäre. Ihm kribbelte es im Nacken, als er daran dachte, was dort alles im Schlamm lauern könnte. Darius spürte nun, wovon er immer nur in Geschichten gehört hatte, deren Dramatik fern seines eigenen Lebens lag. Er nahm also noch etwas mehr Abstand und ging weiter, sein unbekanntes Ziel verfolgend. Die Sonne stieg höher und höher und trotz des nahenden Winters verlieh sie der Welt nun mit einer letzten Anstrengung eine wohlige Wärme. Bald würde sie mehr Statistin sein, wenn die kalten Tage des Winters weiße Flocken vom Himmel brächten. Ihre Strahlen würden im Weiß des Schnees erstrahlen und ihn zum Leuchten bringen. Darius hoffte allerdings, sich zu dieser Zeit bereits wieder in der warmen Feste zu befinden oder an einem anderen lauschigen Ort. Er war nun mal eigentlich kein Abenteurer. Jetzt war er aber einmal hier, dem Geheimnis der traurigen Wolken folgend.

Eine stürmische Nacht

Die Sonne sank tiefer und tiefer und als er das östliche Ende des Loch Loch erreicht hatte, verschwand sie hinter den hohen Bergen des gleichnamigen Gebirges in dem der sich befand. Schnell kam das Zwielicht und er suchte sich ein Plätzchen, das ihn vor dem unsteten Wetter hier oben schützen sollte. Er fand eine kleine Höhle, eher einen Felsvorsprung, in die er sich zurückzog. Ein kleines Feuer aus ein paar trockenen Ästen, die er gesammelt hatte, wärmte ihn, während es im aufkommenden Wind vor sich her flackerte. Der nahe See schien im spärlichen Mondlicht aufgewühlt und die Wellen peitschten bald gegen das Ufer. Dann folgte ein Grollen in der Ferne und helle Blitze erhellten dort irgendwo den Himmel in zuckendem Schein. Darius verkroch sich tiefer in seinen warmen Mantel und zog die Kapuze über. Ihm wurde kalt und er fühlte sich einsam. Wie sehr wünschte er sich den warmen Kamin herbei, seinen gemütlichen Ohrensessel mit der gestrickten Decke die er damals von seiner Oma bekommen hatte. Damals, als sie ihn noch geliebt und nicht für einen Versager gehalten hatte. Die erste Nacht außerhalb der Lindwurmfeste und schon zweifelte er an seinem Unterfangen und wurde gefühlsduselig. Was hatte er sich nur dabei gedacht, so gedankenlos von Zuhause wegzugehen? Er knabberte an einem trockenen Stück Brot, während der Wind stärker wurde und dunkle Wolken bald den Mond verdeckten. Dicke Tropfen fielen erst in großen Abständen, dann in wildem Tanz vom Himmel. Er kroch weiter in die kleine Höhle hinein, soweit es seine große Gestalt eben zuließ. Seine Tasse schob er derweil in den Regen, es gab nun einmal nichts Erfrischenderes als die kalten Tränen des Himmels. Und dort, wohin er in den nächsten Tagen gehen sollte, würde er Wasser mehr als alles andere benötigen. Das Gewitter brach in aller Heftigkeit über dem Loch los. Windböen peitschten die Oberfläche des Sees auf, während sie mit beinahe jeder Sekunde ihre Richtung wechselten. Die dicken Regentropfen wurden durch die Luft gewirbelt und rückten Darius immer näher. Bald hatten Wind und Wasser sein kleines Feuer gelöscht und er kauerte frierend in seiner Ecke. Nicht, dass ihn das Feuer ernsthaft erwärmt hätte, doch es hatte ihm Hoffnung gegeben in der dunklen Nacht. Der Sturm tobte unbändig weiter und ließ Darius keine Ruhe. Doch auch er sank irgendwann erschöpft in den Schlaf. Nie war er so weit gewandert wie an diesem Tage und die Erschöpfung hatte ihn letztendlich übermannt. Er fiel in einen schwarzen, dunklen Schlaf, begleitet von den Geräuschen, die ihn umgaben. Dunkle Träume waberten in seinen Gedanken umher und unruhig erzitterte der große Körper im Schlaf.

Eine unerwartete Begegnung

Früh gegen Morgen zog das Gewitter ab und hinterließ eine beinahe unheimliche Stille. Der See lag ruhig da, nicht eine Brise ließ die glatte, Spiegelhafte Oberfläche erzittern. Was allerdings zitterte war Darius. Dieser wurde vom lauten Klappern seiner Zähne geweckt. Langsam öffnete er zuerst das rechte, dann das linke Auge, in der Hoffnung, alles wäre nur ein Fiebertraum und er läge in seinem warmen, weichen und kuschligen Bett . Doch als er den klammen Mantel an sich kleben spürte, die kalte, klare Luft einatmete wurde ihm klar, dass es leider doch kein böser Traum gewesen war. Steif kroch er aus der winzigen Höhle heraus, die Glieder zitterten immer noch und er hatte Mühe, sie unter Kontrolle zu halten. Als er hinaustrat, blieb er dennoch nicht umhin die sanfte Schönheit der Berge und des Lochs zu bewundern. Die glatte Oberfläche des Sees spiegelte den fahlen Himmel, der auf das Licht der Sonne wartete und schien von dem zu träumen, was dort vielleicht schlummern mochte. Darius riss sich von diesem Anblick los und sah sich um. Die grauen Steine der Berge schienen trostlos im Vergleich zum Loch Loch, das doch nicht mehr als ein eitler Spiegel des Himmels sein mochte. Ihm war auf jeden Fall klar, dass er möglichst keine weitere Nacht mehr hier oben verbringen wollte und machte sich nach ein paar Morgenübungen auf, um das Gebirge zu verlassen. Es war ein unschöner Abstieg, begleitet von schlittern und rutschen, taumeln und fallen. Immer wieder blickte er sich um, meinte Blicke auf sich ruhen zu fühlen. Doch er erkannte nichts. Er starrte auf die felsige Schotterlandschaft, die trostlos hinter ihm aufragte, suchte immer wieder nach einem Anzeichen, das ihm dieses Gefühl erklären sollte. Doch er konnte nichts entdecken. Immer wieder drehte er sich um, während er die Schritte hektisch beschleunigte und noch mehr ins Stolpern und Schlittern geriet. Er sah den Schotter den Berg hinabstürzen, immer schneller und schneller, bis er unten gegen die ersten Baumstämme schlug. Er hoffte, nicht ebenso zu enden und versuchte, tief Luft zu holen. Doch bevor er das tun konnte, hörte ein lautes Räuspern hinter sich. Zwei Dinge geschahen: er bekam einen Riesenschreck. Und er machte einen kleinen Satz in die Luft. Was allerdings dazu führte, dass der Schotter in Bewegung kam. Noch bevor Darius sich darüber klar werden konnte, was da eben geschah oder er den Ursprung des Geräusches hätte ausmachen können, sah er, wie er sich hinab bewegte. Er kreischte panisch auf, sehr untypisch für einen Lindwurm und versuchte, die Abwärtsbewegung zu stoppen und wieder nach oben zu kommen, wo er eben gestanden hatte. Doch je schneller er seine großen Krallen in den Boden grub, desto schneller ging es bergab. Verzweifelt hob er den Blick nach oben um zu sehen, was ihn da so erschreckt hatte, während er unaufhaltsam nach unten rutschte..

– Fortsetzung folgt –