Die Facebook-Diät oder der Weg in die Depression

Hin und wieder ist es nötig sich auszuklinken. Sich selbst wiederzufinden.

Runterkommen.
Durchatmen.

 

Eigentlich wollte ich über meinen temporären Ausstieg bei Facebook erzählen. Stattdessen wurde es wohl doch eher eine Aufarbeitung der letzten Jahre… die letztendlich zu dieser Pause geführt haben. Denn nach einigen turbulenten Monaten, die mir viele gute, aber wohl eher noch viele schlechte Tage beschert haben, ist es für mich an der Zeit den Worten meines Arztes Gehör zu schenken: „Sie müssen dringend runterkommen.“

Tja. Da sitzt man nach langen Monaten psychischer Instabilität und am Rande des Wahnsinns und der Verzweiflung beim Arzt und weiß: es geht mir überhaupt nicht gut. Und eigentlich geht es auch überhaupt nicht mehr. Und im selben Moment fragt man sich: was soll ich dem eigentlich erzählen, eigentlich ist doch alles gut in meinem Leben?

Wenn man depressiv ist, verschwimmt die Welt vor den Augen. Alles ist anders. Besonders man selbst. Man erkennt sich selbst nicht mehr wieder, versteht sich nicht mehr und kann anderen noch weniger erklären, was in einem vorgeht. Es ist schwer zu beschreiben, was man fühlt. Zwischen völliger Verzweiflung und völligem Nichts… Es ist schwer bis unmöglich zu lachen. Und doch tut man es nach außen hin, wenn man es muss. Sicher erlebt jeder eine Depression anders und auf seine Weise. Was wir aber alle gemeinsam haben, ist das Monster das uns packt und lange nicht mehr loslässt.

Meine Depression hat sicherlich mehrere Gründe. Zum einen eine erbliche Vorbelastung. Zum anderen gab es gerade in meiner Jungend, beginnend in meiner Pubertät, eine schwere Zeit für mich. Wie so oft, gehören mehrere Faktoren dazu, um eine Veranlagung an die Oberfläche zu bringen. Bei mir begann es wohl, als ich mit 24 Jahren alles hinter mir ließ. Freunde, Familie, Heimat. Ich zog so weit von ihnen weg, dass ich per Luftlinie näher an London lag, als an meiner Heimatstadt. Plötzlich war alles anders.

Ich hatte einen Job, auf den ich mich gefreut hatte – und dann feststellen musste, dass er leider überhaupt nicht das war, was ich mir vorgestellt hatte. Mobbing an der Tagesordnung, jeder kämpfte für sich alleine, dazu hatte ich 14-Stunden-Tage. Nach kaum zwei Wochen stand ich jeden Abend weinend unter der Dusche und wusste: das packst Du nicht. Packte ich auch nicht. nach weiteren zwei Wochen wurde ich noch in meiner Probezeit freigestellt. Und alles war wieder okay. Dachte ich zumindest.

Ich suchte mir einen neuen Job und hatte Glück: es gibt immer Menschen, die zu Dir halten und auch etwas von Dir halten. Auch wenn meine Selbstzweifel zu diesem Zeitpunkt groß waren. Mein früheres Selbstbewusstsein begann zu bröckeln. Ich begann in einem neuen Job, machte mit 25 endlich den Führerschein und war eigentlich zufrieden. Meine Beziehung war okay, wir stritten uns am Anfang oft – wohl ganz normal, wenn man immer tun konnte, was man wollte und dann plötzlich zusammenlebt. Ob ich damals glücklich war, weiß ich nicht mehr so genau. Aber ich denke, es war zwischenzeitlich ganz gut. Zumindest so gut, dass wir 2008 heirateten.

Kurz nach der Hochzeit im Mai informierte mich meine Arbeitskollegin, dass sie den Job gekündigt hatte. Da wir damals in Teams zusammenarbeiteten war mir klar, dass dies keinesfalls eine Verbesserung der Arbeitssituation darstellen würde. Tat es auch nicht. Das Ende vom Lied war, dass mir wöchentlich versprochen wurde, dass bald jemand Neues kommen würde. Und jedes Mal rückte das zugesagte Datum weiter nach hinten. Und meine psychische Belastbarkeitsgrenze sank und sank. Bis im Oktober tatsächlich eine Halbtagskraft (!) kam, hatte sich mein Leben radikal verändert. Ich kam zur Frühschicht, gibt zur Spätschicht. Aus dem ursprünglichen Samstagsdienst alle sechs Wochen war dank diverser Ausfälle jeden zweiten bis dritten Samstag Dienst angesagt. Statt drei Stunden waren es plötzlich acht. Zuhause gab es deswegen nur noch Ärger und ich dachte: hey, klasse! Du bist noch nichtmal ein halbes Jahr verheiratet und schon ist den Ehe am Ende! Prima!

Also zog ich die Reißleine. Ich fing eine Teilzeitstelle an in einem Unternehmen, das keine drei Monate später wegen Insolvenz schloss.Ich merkte bereits, dass ich völlig ausgebrannt war. Müde. Verzweifelt. Kraftlos. Ich ging zum Arzt, der konnte mir nicht wirklich weiterhelfen. Dann zogen wir um. Der fünfte Umzug in meinem Leben. Aber: es kam ein kleiner Kerl in mein Leben, der mir Momente des Glücks zurückbrachte. Er besitzt vier Pfoten, eine große schwarze nasse Nase und Flauscheohren und ist glücklicherweise immer noch an meiner Seite. Ich denke, ich kann heute sagen: wäre dieser kleine Kerl nicht gewesen – ich weiß nicht, ob ich diese Zeilen dann heute noch schreiben würde oder ich schon ein paar Meter tief unter der Erde läge.

Ich wurde bei meinem neuen Hausarzt beinahe zum Dauerpatienten. Dann suchte ich mir wieder einen neuen Job und saß letztendlich bei einem Discounter hinter der Kasse. Der Job war eigentlich okay, aber wie so oft, war dort hinter den Kulissen auch nicht alles in Butter. Der Druck stieg. Und eines Tages saß ich da mit einem Ruhepuls von 120. Mir war schwindelig, mein Herz raste und ich war kurz davor, einfach zu kollabieren. Ich ging zum Arzt, der schrieb mich für drei Wochen krank. Langzeit EKG, Langzeit-Bludruckmessung, Blutwerte. Soweit alles in Ordnung. Mein Arzt riet mir, mich auszuruhen. Ich versuchte es, aber auch der Druck Zuhause stieg. Ich konnte meinem Mann nichts mehr recht machen – ein Problerm, das durchaus schon vorher existierte. Aber trotz seiner Beteuerungen konnte ich ihm Ansehen, was er von mir dachte: Du bist ein Versager. Er war immer ein Gewinnertyp gewesen. Jemand, der nicht verlieren wollte – und das auch nicht konnte. Egal ob beim Spielen – auf dem Brett oder virtuell – oder im richtigen Leben.

Als ich nach drei Wochen wieder zur Arbeit gehen sollte, kam der Zusammenbruch. Ich weinte und konnte nicht mehr damit aufhören. Also saß ich ein weiteres Mal beim Arzt und sagte: „Ich glaube, es geht nicht mehr. Ich glaube, ich brauche einen Psychiater.“ Also begann ich Ende Herbst 2010 eine Therapie. Die erste Sitzung verlief entsprechend verstörend: ich saß da und habe 45 Minuten nur geheult. Zwischen meinem schluchzen konnte der Arzt wohl ein paar Fetzen verständlicher Worte erhaschen. Dennoch waren wir uns einig: eine Therapie war dringend nötig. Und so ging ich jede Woche hin. Anfangs war seine klinische Distanz für mich problematisch, andererseits merkte ich, dass sie mir half zu reden. Während unserer Sitzungen wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Dass meine Ehe einen großen Teil dazu beigetragen hatte, wie es mir jetzt ging. Dass ein weinendes Wrack dort in dieser Praxis saß und nicht mehr ein, noch aus wusste.

Dann kam die Entscheidung, ein weiteres Mal umzuziehen. Zum sechsten Mal. Wieder verlor ich die wenigen Wurzeln, die ich in kurzer Zeit hatte schlagen können. Der Weg brachte uns ins Rheinland und ich sah das Ganze als Neubeginn. Als Chance, dass alles wieder „gut“ werden würde. Mein Mann bot mir an, falls ich an der Uni angenommen werden würde,  zu studieren und einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Ich hatte oft den Wunsch gehegt, noch einmal studieren zu können. Aber vorher gab es kaum eine Möglichkeit. Umso mehr freute ich mich darüber, nicht nur diese Chance zu bekommen, sondern auch noch da studieren zu können, was ich gerne wollte.

Spätestens an diesem Punkt sehe ich im Rückblick, wie wir uns auseinandergelebt haben. Es war vorher schon über Strecken schwierig gewesen, aber es wurde immer deutlicher, dass irgendetwas schief ging. Der Versuch, ein gemeinsames Hobby zu finden scheiterte. Ich ging eigentlich nur mit, weil ich noch Hoffnung hatte. Dennoch nahm ich gerade aus dieser Zeit ein paar Menschen mit, die mir heute sehr am Herzen liegen. Vodgoden, ihr wisst, wer gemeint ist.

Dann gab es eine weitere Episode eines völligen Zusammenbruchs. Ich saß Zuhause, es war nichts dramatisches passiert – und begann zu weinen. Mit den Tränen rann völlige Verzweiflung aus mir heraus. Mein Mann war mir fremd geworden und wollte nichts mehr von mir wissen – ein Umstand den ich zu diesem Zeitpunkt wohl eher unterbewusst wahrnahm. Der Rest lief einfach unter dem Etikett „Alltag“. Und ich kam damit nicht mehr zurecht. Also suchte ich mir erneut einen Psychiater. Diesmal wurde eine medikamentöse Behandlung in Kombination mit Psychotherapie verordnet.

Ich nahm beides in Angriff. Die Medikamente halfen mir, meine innere Mitte wiederzufinden. Die Psychotherapie half mir, mich wiederzufinden. Am Ende der „Probestunden“ sagte meine Therapeutin mir, dass ich nicht verrückt sei. Nur traurig. Aber ich hätte die Kraft dazu, alles zu bewältigen, Menschen hinter mir, die mich unterstützen. Und ich müsste mich nun entscheiden, welchen Weg ich gehe. Ich hätte diesen Weg schon lange vor Augen, ich müsste ihn nur gehen. Und ich ging ihn: ich trennte mich.

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Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich beinahe frei. Aber das Monster Depression lässt Dich eben nicht los. Die folgenden Monate waren nicht einfach. Die Wohnungssuche gestaltete sich mehr als schwierig. Ich war ständig unterwegs, trieb ziellos umher. Nach Hause konnte ich nicht mehr zurück, das konnte ich nicht ertragen. So blieb mir nur, bei Freunden unterzukommen und zu hoffen, bald wieder ein eigenes Zuhause zu finden. Aber selbst, als dieses Ziel erreicht war, sollte nicht alles glatt gehen. Es endete im Chaos und ich stand wieder einmal alleine da. Wieder war alles schief gegangen und ich kämpfte nun darum, nicht schon wieder umziehen zu müssen. Nach Monaten des Umherirrens hatte ich keine Kraft mehr dazu. Und es gab tatsächlich eine gütige Seele, die sich meiner annahm und dafür sorgte, dass ich nicht wieder umziehen musste. Sollte sie das jemals lesen – wovon ich nicht ausgehe – Danke. Und auch sonst.

Eigentlich ging es von nun an, mittlerweile hatten wir Mitte 2014, nur noch bergauf. Ich lernte jemanden kennen, der bereit war, sich auf das seelische Wrack einzulassen, das ich war. Und der immer noch an meiner Seite steht und sich nicht abschrecken lässt, auch wenn ich dunkle, ja schwarze Tage habe. Auch wenn ich dir meine Dankbarkeit und Liebe nicht immer so zeigen kann, wie Du es Dir wünschst, hoffe ich, dass Du sie trotzdem fühlen kannst.

An der Uni verlor ich – zumindest räumlich gesehen – die wundervollste Person, die mir seit langem begegnet war und fand zwei neue Freunde – und zwar dort, wo ich sie nicht vermutet hätte. Wenn jemand an Dich glaubt, wo du selbst nicht mehr an dich glaubst… Danke! Ich finde da einfach keine Worte, um auszudrücken, was ich sagen möchte.

Auch beruflich ging es voran. Ich fand einen neuen Job, arbeitete entweder an der Uni oder in einer Online-Redaktion. Doch immer mit dem Damoklesschwert über mir. Immer zerrissen zwischen einem Studium, das ich liebe, einem Job, den ich liebe und einem zweiten Job, den ich sehr gerne gemacht habe. Um das Studium finanzieren zu können, musste ich mehr arbeiten – die finanzielle Sicherheit war mit der Trennung dahin. Es geht nun mal nicht ohne und ein Studium ist nicht billig. Also waren die letzten Monate davon geprägt, zu arbeiten, zu studieren und wieder zu arbeiten. Das Studium litt unter der vielen Arbeit. Meine Familie litt darunter. Und am allermeisten litt ich darunter. Zu sehen, dass sie leiden. Zerrissen zwischen Uni, Job und Familie.

Und das bringt mich in gewisser Weise wieder zum Ausgangspunkt. Die Facebook-Diät. Nach dem Gespräch mit meinem Arzt war mir klar: es muss ich was ändern. Dringend. Ich kann nicht 24/7 arbeiten. das geht nicht. Mein Körper kreischt seit Monaten, ich sollte aufhören. Pause machen. Ich bin derzeit so müde, dass ich beinahe den ganzen Tag schlafen möchte. Der Hinweis meines Arztes, dass ich – wenn ich so weitermachen würde, und vielleicht auch wenn nicht – mich bald ein der Reha finden würde, schockte mich dann doch und mir wurde mehr als deutlich, dass ich nicht immer zu allem und jedem „Ja“ sagen kann. Diese ständige Hilfsbereitschaft, immer „ja“ zu sagen, bringt alle weiter. Nur nicht mich selbst. Natürlich helfe ich gerne. Aber ich merke, es geht eben nur bis zu einem gewissen Punkt. Bis dahin und nicht weiter. Ich habe mich oft genug verloren und musste mich wiederfinden. Und mit jedem Mal wird es schwerer.

Um mich also wiederzufinden, habe ich mir in den nächsten Tagen strenges Facebook-Verbot auferlegt. Ich bin gerne auf Facebook. Es gibt da eine Menge Leute, die ich sehr sehr gerne mag. Die mir sehr am Herzen liegen, die ich ohne Facebook niemals wiedergefunden oder überhaupt gar nicht erst kennengelernt hätte. Aber es ist nun mal auch ein Zeitfresser. Und ein Gedankenverwirbler. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich gedanklich einen Post über das, was ich gerade getan habe verfassen will. Und ich glaube: das ist sicherlich nicht gut.

Also mache ich jetzt ein paar Tage Urlaub von Facebook und fahre mal runter.

Bis bald!

PS: auch wenn dieser Artikel auf Facebook geteilt werden wird: is mir wurscht! Ich gucke erst wieder nächste Woche rein.